bulia byak, buliabyak@users.sf.net und josh andler, scislac@users.sf.net

Eines der großartigen Inkscape-Werkzeuge ist das Kalligrafiewerkzeug. Dieses Tutorial wird Ihnen helfen, mit diesem Werkzeug vertraut zu werden, und Ihnen die Grundlagen der Kalligrafiekunst näher zu bringen.

Sie können Strg+Pfeiltasten, das Mausrad oder Mittelklick+Ziehen benutzen, um die Arbeitsfläche nach unten zu bewegen. Um die Grundlagen der Objekterstellung, Auswahl, und Bearbeitung zu lernen, benutzen Sie bitte das Grundlagen-Tutorial in Hilfe > Einführungen.

Geschichte und Stile

Laut Wörterbuchdefinition bedeutet Kalligrafie »Schönes Schreiben« oder »Die ordentliche oder elegante Schreibkunst«. Zusammengefasst ist die Kalligrafie die Kunst, eine schöne Handschrift zu erstellen. Das hört sich im ersten Augenblick zwar kompliziert an, aber mit einem bisschen Übung kann das jeder meistern.

Die früheste Form der Kalligrafie findet man in der Höhlenmalerei. Bis ca. 1440 n. Chr., bevor der Buchdruck erfunden wurde, war die Kalligrafie die Methode, um Bücher und Aufzeichnungen zu vervielfältigen. Jedes Schriftstück und jede Publikation musste dabei durch Handarbeit kopiert werden. Die Handschrift wurde mit Hilfe eines Federkiels und Tinte auf Materialien wie Pergament- oder Velinpapier niedergeschrieben. Die Schriftarten, die über die Jahre entwickelt wurden, waren Rustic-, Karolinger-, Frakturschriftarten usw. Heutzutage kommt man mit der Kalligrafie eher selten in Berührung - meistens finden sich kalligrafische Kunstwerke auf Hochzeitseinladungen.

Es gibt drei Hauptstile der Kalligrafie:

Dieses Tutorial beschäftigt sich hauptsächlich mit der westlichen Kalligrafie, die anderen beiden Stile verwenden meistens Pinsel (anstelle eines Stiftes oder einer Federspitze), und das ist mit den Funktionen des Kalligrafiewerkzeugs derzeit nicht möglich.

Einen großen Vorteil, den wir gegenüber den Schriftgelehrten der Vergangenheit haben, ist das Rückgängig-Kommando: Wenn man einen Fehler macht, ist nicht gleich die komplette Seite ruiniert. Inkscapes Kalligrafiewerkzeug hat auch erweiterte Funktionen, die nicht mit traditionellem Stift und Tinte möglich wären.

Hardware

Die besten Ergebnisse erzielt man mit einem Grafiktablett und Stift (z.B. von Wacom). Dank der Flexibilität unseres Werkzeugs können auch diejenigen, die nur eine Maus zur Verfügung haben, ziemlich komplizierte Kalligrafien anfertigen, auch wenn es zu ein paar Schwierigkeiten bei schnell gezogenen Strichen kommen kann.

Inkscape ist in der Lage, Drucksensitivität und Neigungssensitivität eines Grafiktablett-Stifts zu unterstützen, wenn diese Eigenschaften auch von der Hardware verwendet werden. Bedenken Sie auch, dass die Kalligrafie mit einer Feder oder einem Federstift ebenfalls nicht sehr sensitiv auf Druck reagiert, anders als beim Pinsel.

Wenn Sie ein Grafiktablett haben und die Sensitivitätseigenschaften nutzen wollen, müssen Sie Ihr Gerät vorher konfigurieren. Die Einstellungen werden nur einmal vorgenommen, danach sind sie gespeichert. Sie können die Sensitivitätsunterstützung einschalten, indem Sie vor dem Start von Inkscape das Tablet anschließen und danach den Menüpunkt Eingabegeräte... im Datei-Menü aufrufen. Über diesen Dialog können Sie Ihr gewünschtes Gerät aussuchen und Einstellungen für Ihren Stift vornehmen. Zu guter letzt, wenn Sie die Einstellungen vorgenommen haben, wechseln Sie zum Kalligrafiewerkzeug und schalten in der Werkzeugeinstellungsleiste zwischen Druck und Neigung hin und her. Von nun an merkt sich Inkscape die Einstellungen beim Start.

Inkscapes Kalligraphiestift ist sensitiv im Hinblick auf die Geschwindigkeit, mit der ein Strich gezogen wird (s.u. Ausdünnung). Wenn Sie die Maus verwenden, möchten Sie möglicherweise diesen Parameter auf Null einstellen.

Einstellungen für das Kalligrafiewerkzeug

Wechseln Sie durch Drücken von Strg+F6 oder durch Klicken auf das entsprechende Icon in der Werkzeugleiste auf das Kalligrafiewerkzeug. Auf der Werkzeugeinstellungsleiste befinden sich nun 7 Optionen: Breite & Ausdünnung; Winkel & Fixierung; Zittern; und Masse & Widerstand. Es gibt auch zwei Knöpfe, die Drucksensitivität und Neigungssensitivität an- und ausschalten (für Grafiktabletts).

Breite & Ausdünnung

Dieses Optionspaar kontrolliert die Breite des Stiftes. Die Breite kann zwischen 1 und 100 variieren und wird (standardmäßig) relativ zur Größe des zu bearbeitenden Fensters bemessen, unabhängig von der Zoomgröße. Das ist sinnvoll, da die natürliche »Maßeinheit« in der Kalligrafie der Bereich ist, in der die Handbewegungen ausgeführt werden. Daher hat man ein konstantes Verhältnis zwischen Breite des Federstifts und der Größe des »Zeichenbretts« und keine realen Größeneinheiten, die zu einer Abhängigkeit bei der Zoomgröße führen würden. Dieses Verhalten ist optional, so daß es für diejenigen umgestellt werden kann, die absolute Einheiten unabhängig vom Zoom bevorzugen. Um in diesen Modus zu schalten, verwenden Sie den Schalter auf der Einstellungsseite für das Werkzeug (welche Sie durch Doppelklicken auf den Werkzeugknopf öffnen können.

Da die Stiftbreite häufig verändert wird, kann diese ohne Umweg über die Werkzeugeinstellungsleiste mittels der Pfeiltasten links und rechts oder mit einem Grafiktablett, welches drucksensitiv ist, eingestellt werden. Beachten Sie, dass diese Tasten auch während des Zeichnens funktionieren. Somit lässt sich die Breite in der Mitte des Striches schrittweise verändern:

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Die Stiftbreite ist auch abhängig von der Geschwindigkeit, die über den Parameter Ausdünnung geregelt wird. Dieser Parameter kann im Bereich von -1 und 1 variiert werden; ein Nullwert bedeutet, dass die Breite unabhängig von der Geschwindigkeit ist, positive Werte machen schnellere Striche dünner und negative Werte machen schnellere Striche breiter. Die Vorgabe von 0,1 bedeutet mäßiges Ausdünnen von schnellen Strichen. Hier sind ein paar Beispiele, alle mit Breite=0,2 und Winkel=90 gezeichnet:

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Setzen Sie einmal zum Spaß die Breite und die Ausdünnung auf 1 (Maximum) und malen dann mit ruckartigen Bewegungen seltsame, »naturalistische und neuronenartige« Formen:

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Winkel & Fixierung

Nach der Breite ist der Winkel einer der wichtigsten kalligrafischen Parameter. Es ist der Winkel des Stiftes in Grad, der sich zwischen 0 (horizontal) und 90 (vertikal gegen Uhrzeigersinn) oder -90 (vertikal im Uhrzeigersinn) bewegen kann. Falls Sie die Neigungswinkelsensivität des Tablets eingeschaltet haben, ist der Winkelparameter »ausgegraut« und der Winkel wird über die Neigung des Stiftes eingestellt.

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Jeder traditionelle Kalligrafiestil hat seine eigenen vorgegebenen Schriftwinkel. Zum Beispiel verwendet die Unicial-Handschrift einen Winkel von 25 Grad. Weitere komplexere Handschriftarten und erfahrene Kalligrafen verändern den Schriftwinkel während des Malens. Bei Inkscape ist dies durch Drücken der Pfeiltasten hoch und runter sowie mit einem Grafiktablett, welches diese Funktionen unterstützt, möglich. Für den Anfang Ihrer kalligrafischen Übungen ist es sinnvoll, den Winkel konstant zu halten. Hier sind Beispiele von gemalten Strichen mit unterschiedlichen Winkeln (bei Fixierung = 1):

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Wie man feststellen kann ist der Strich am dünnsten, wenn er parallel zu seinem Winkel verläuft und am breitesten, wenn er senkrecht zu seinem Winkel verläuft. Positive Winkel sind die am häufigsten verwendeten Winkel bei der Rechtshänder-Kalligrafie.

Die Schwelle des Kontrastes zwischen der dünnsten und dicksten Linie wird über den Parameter Fixierung geregelt. Ein Wert von 1 bedeutet, dass der Winkel immer konstant bleibt - so wie über den Winkelparameter eingestellt. Eine Verringerung des Fixierungswertes dreht den Stift ein wenig gegen die Strichrichtung. Mit Fixierung=0 dreht sich der Stift immer so, dass er senkrecht zum Strich steht. Der Winkel hat somit keinen Effekt mehr:

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Typographisch gesprochen ist die maximale Fixierung und daher der maximale Strichbreitenkontrast (oben links) ein Kennzeichen der antiken Serifenschriftarten, so wie bei der Times oder der Bondi (da diese Schriftarten eine Imitation der Kalligrafie mit fixiertem Stift darstellen). Null Fixierung in Verbindung mit null Breitenkonstrast (oben rechts) repräsentiert auf der anderen Seite moderne serifenlose Schriftarten wie die Helvetica.

Zittern (Tremor)

Zittern bzw. Tremor dient dazu, Ihren Strichen ein natürlicheres Aussehen zu geben. Der Tremor kann in der Einstellungsleiste von 0,0 bis 1,0 geändert werden. Es wird Ihre Striche von ganz leichten Unebenheiten bis zu wilden Klecksen beeinflussen. Dies erweitert die kreativen Möglichkeiten des Werkzeuges beträchtlich.

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Masse & Widerstand

Anders als bei Breite und Winkel definieren diese Parameter eher, wie sich das Werkzeug »anfühlt«, als dass sie einen visuellen Effekt bewirken. Deshalb wird es in diesem Abschnitt keine Illustrationen geben, stattdessen versuchen Sie es am besten einmal selbst, um einen besseren Eindruck zu bekommen.

In der Physik verursacht Masse Trägheit; je höher die Masse des Kalligrafiewerkzeugs eingestellt wird, desto mehr verzögert sich der Mauszeiger und es glätten sich scharfe Wendungen und schnelle Zerrungen im Strich. Die Vorgabe des Wertes ist relativ klein (0,02), sodass das Werkzeug schnell anspricht, aber Sie können die Masse erhöhen, um einen langsamer ansprechenden und weicheren Stift zu bekommen.

Widerstand ist die Widerstandskraft des Papiers gegen die Bewegung des Stiftes. Die Vorgabe ist das Maximum (1) und bei Verringerung dieses Parameters wird das Papier »rutschiger«: wenn die Masse groß ist, dann tendiert der Stift bei scharfen Kurven auszubrechen; ist die Masse Null, dann bewirkt ein schwacher Zug ein starkes Zittern des Stiftes.

Kalligrafiebeispiele

Nun da Sie die grundlegenden Fähigkeiten dieses Werkzeugs kennen gelernt haben, können Sie versuchen, richtige Kalligrafie anzuwenden. Wenn Sie ein Neuling der Kalligrafiekunst sind, dann besorgen Sie sich ein gutes Kalligrafiebuch und versuchen Sie Ihre Erkenntnisse mit Inkscape umzusetzen. Dieser Abschnitt wird Ihnen ein paar einfache Beispiele aufzeigen.

Zu allererst, wenn Sie Buchstaben erstellen wollen, brauchen Sie ein Hilfslinien-Paar. Wenn Sie geneigt oder kursiv schreiben wollen, so fügen Sie ein paar geneigte Linien hinzu, die das Hilfslinien-Paar kreuzen, zum Beispiel:

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Nun zoomen Sie soweit hinein, bis die Höhe zwischen den Hilfslinien den natürlichen Bereich ihrer Handbewegungen erreichen, dann passen Sie Breite und Winkel an und los geht's!

Als Kalligrafieanfänger möchten Sie möglicherweise als erstes die Basiselemente der Buchstaben zeichnen — vertikale und horizontale Stämme, runde Striche, geneigte Stämme. Hier sind einige Buchstabenelemente der Schriftart Unicial:

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Verschiedene hilfreiche Tipps:

Hier finden Sie einige komplette Schriftzugbeispiele:

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Fazit

Kalligrafie macht nicht nur Spaß; es ist eine tiefe, fast spirituelle Kunst, die Ihren Blick für alles, was man sehen kann, verändert. Inkscapes Kalligrafiewerkzeug kann nur als bescheidene Einleitung dienen. Es macht aber Spaß, damit herumzuspielen, und es ist sogar nützlich für wirkliches Design. Genießen Sie es!